Der Anteil der jüdischen Bevölkerung Europas ist auf dem niedrigsten Stand seit 1.000 Jahren und sinkt weiter
Streifzug durch die Geschichte
Vor kurzem bin ich ganz zufällig auf die Daten vom Oktober 2020 gestoßen, die vom London Institute for Jewish Policy Research veröffentlicht wurden, und ich muss sagen, ich war von der aufgeführten Statistik ziemlich beeindruckt. Dieses Projekt ist die vollständigste Untersuchung der jüdischen Demografie, die jemals in Europa durchgeführt wurde. Es basiert auf offiziellen Daten von Erhebungen und auf Zahlen, die einzelne jüdische Gemeinden zur Verfügung gestellt haben. So ist aktuell laut einer neuen historischen demografischen Untersuchung der jüdische Anteil an der Bevölkerung Europas genauso niedrig wie vor 1.000 Jahren und er sinkt noch weiter. Auf dem europäischen Festland, in Großbritannien, der Türkei und den Staaten der ehemaligen UdSSR hat man 1,3 Mio. Menschen gefunden, die sich selbst Juden nennen. Diese Zahl ist seit dem Jahr 1970 um fast 60 Prozent gesunken, als auf dem gleichen Gebiet 3,2 Mio. Juden lebten, schreiben die Autoren der Abhandlung L. Daniel Staetsky und Sergio Della Pergola. D.h. von 1970 bis 2020 hat Europa 59 Prozent seiner jüdischen Bevölkerung verloren. Allem Anschein nach steht dieser Rückgang, der nach dem Tod von etwa 6.000.000 europäischer Juden im Holocaust folgte, vor allem mit der Emigration von über 1,5 Mio. Personen nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im Zusammenhang. Doch auch Westeuropa hat seit dem Jahr 1970 8,5 Prozent seiner jüdischen Bevölkerung verloren. Heutzutage leben hier 1.017.000 Juden im Vergleich zu den 1.112.000 im Jahr 1970.
Anteil der in Europa lebenden Juden an der gesamten jüdischen Bevölkerung, 1170 bis 2020 in Prozent
Im Einzelnen befindet sich die jüdische Gemeinde Deutschlands in einem schweren endgültigen Zustand, wie die Autoren der Untersuchung schreiben, denn über 40 Prozent der 118.00 Juden in Deutschland sind über 65 Jahre alt und weniger als 10 Prozent sind jünger als 15 Jahre. Die Studie besagt, dass diese Realität, die auch in Russland und der Ukraine vorhanden ist, „ein hohes Niveau der Sterblichkeit und einen unausweichlichen und sehr schnellen Rückgang der Bevölkerungszahl in der Zukunft vorhersagt“. „Der Anteil der Juden, die in Europa leben, ist etwa genauso hoch wie in der Zeit der ersten Volkszählung der jüdischen Bevölkerung der Welt, die der jüdische Reisende im Mittelalter, Rav Benjamin von Tudela im Jahr 1170 durchgeführt hat“, schreiben die Autoren des Berichts. Darin wird auch angemerkt, dass es in der heutigen Zeit in Europa noch 2,8 Mio. Menschen gibt, die aufgrund ihrer jüdischen Wurzeln in Israel immigrieren können, wenn sie wenigstens einen jüdischen Großvater oder eine jüdische Großmutter haben – die aber selbst keine Juden sind oder sich nicht als solche identifizieren.
Anteil der in Europa lebenden Juden an der jüdischen Weltbevölkerung,
1939 bis 2000 in Prozent
Anteil der in West- und Osteuropa lebenden Juden an der Gesamtzahl
der Juden in Europa, 1939 bis 2020 in Prozent
Die Demografie des europäischen Judentums würde „völlig anders“ aussehen, wenn die Folgen des Holocaust nicht wären, sagte Della Pergola in einem Interview mit der Jewish Telegraphic Agency zum Thema des Berichtes. „Doch das war vor 75 Jahren und einige der Tendenzen, die wir heute beobachten, die zum Rückgang führen, haben nichts mit dem Genozid gemein.“ fügte er hinzu. Unter diesen Tendenzen befindet sich die Anzahl der gemischten Ehen und die sinkende Zeugungsfähigkeit jüdischer Paare, was ein Teil des allgemeineren Geburtenrückgangs in ganz Europa in den letzten Jahrzehnten ist. Die Juden, welche im Jahr 1900 in Europa lebten, machten 83 Prozent des weltweiten Judentums aus. Laut der Untersuchung machen sie heute nur noch 9 Prozent der Gesamtzahl der Juden auf der ganzen Welt aus.
Frankreich, das nach den USA über die zweitgrößte jüdische Diaspora verfügt, ist für den größeren Teil des Rückgangs in Westeuropa verantwortlich. Laut der Studie leben in Frankreich aktuell 449.000 Juden im Vergleich zu 530.000 im Jahr 1970. Allein seit dem Jahr 2000 emigrierten 51.455 französische Juden nach Israel – viel mehr als in irgendeinem anderen westeuropäischen Land. Aus Belgien zum Beispiel wanderten in den letzten 20 Jahren 2.571 Personen nach Israel aus. Einige der Gründe für die Massenflucht der französischen Juden sind die wirtschaftlichen Möglichkeiten und die Angst vor Antisemitismus. „Das heutige Frankreich ist ein Ort, wo Geschichtslehrer auf der Straße enthauptet werden können.“ fuhr Della Pergola fort, auf die kürzlich begangene Tat eines mutmaßlichen Islamisten bei Paris anspielend. „Natürlich finden viele Juden, darunter auch französische, dass Kanada gastfreundlicher ist“.
Das niedrigste Niveau gemischter Ehen gibt es in Belgien, wo nur 14 Prozent der Juden mit einem nicht jüdischen Partner verheiratet sind. Die meisten dagegen gibt es in Polen, wo der entsprechende Anteil 76 Prozent beträgt. Diese Kennzahl beträgt in Großbritannien 24 Prozent, in Frankreich 31 Prozent und über 50 Prozent in Ungarn, den Niederlanden, Dänemark und Schweden.
Jüdische Weltbevölkerung nach geographischen Hauptgebieten, 1170-2020, Tausende
Source: World Jewish Population 2020, in A. Dashefsky and I. Sheskin (eds.) American Jewish Year Book 2020.
Die Schlussfolgerungen des Berichts über Deutschland sind insofern bemerkenswert, dass nach dem Zerfall der Sowjetunion um die 200.000 der dort lebenden Juden im Jahr 1990 nach Deutschland immigrierten. Diese Welle belebte zusammen mit der Immigration von etwa 10.000 Israelis das deutsche Judentum neu. Doch die Neuankömmlinge konnten die demografische Flugbahn der Gemeinschaft nicht verändern, denn viele von ihnen und ihren Kindern heirateten, definierten sich nicht mehr als Juden, emigrierten an andere Orte oder verstarben, wie die Untersuchung zeigt.
Im Jahr 1989 lebten in Deutschland etwa 32.000 Juden. Nachdem die staatliche Initiative Deutschlands verebbte, wurde in der Folge die Immigration der Juden aus der ehemaligen Sowjetunion auf wenige Hundert pro Jahr gekürzt. Deutsche Juden sind sehr alte Menschen; so wurden zum Beispiel im Jahr 2018 nur 227 Geburten in der jüdischen Bevölkerung registriert, während es zugleich 1.572 Todesfälle gab, was 1.345 Seelen weniger in einem Jahr bedeutet. Die nationale Politik der geografischen Dezentralisation der Immigranten widerspiegelnd lebten Juden in den Industriegebieten Nordrhein-Westfalens, Bayerns, Hessens und Berlins.
Im Zeitraum 2000-2015 bekamen 33.321 Israelis deutsche Pässe. 31.722 von ihnen haben die israelische Staatsangehörigkeit behalten und 1.599 haben sie abgegeben. Doch die meisten von ihnen zogen es vor, nicht in Deutschland sesshaft zu werden, denn Ende November 2016 lebten in Deutschland nur noch 13.289 israelische Staatsbürger.
Insgesamt wird die Tendenz des Rückgangs, die das europäische Judentum verändert, laut der Studie wahrscheinlich nicht rückgängig gemacht. „Nur unter außergewöhnlichen Umständen ändern demografische Tendenzen ihren Kurs auf radikale Weise“, schreiben die Autoren, fügen aber hinzu: „Solche Veränderungen gab es wirklich in der europäischen jüdischen Demografie, und nicht nur einmal, allein in den letzten hundert Jahren.“
Die vollständige Version der Studie London Institute for Jewish Policy Research:
https://www.researchgate.net/publication/345670770_JPR_2020Jews_in_Europe_at_the_turn_of_the_Millennium
Ramiel Tkachenko, Chefredakteur des Magazins J.E.W.